Donnerstag, 7. August 2014

Das letzte Kartenblatt

07.08.2014 9.40 - 14.40
Enontekiö - Kautokeino 80 km

Vor einem Monat wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dass Gluthitze und Nordnorwegen was mit einander zu tun haben könnten. Die Wettervorhersage für Enontekiö besagte, dass heute 28º erreicht werden sollten. Wie warm es tatsächlich war, kann ich nicht sagen, aber es war eigentlich schon fast zu warm für solche Touren.

Wie dem auch sei, heute habe ich Finnland schon wieder verlassen und bin nach Norwegen "ausgereist".
Das letzte Kartenblatt ist
eingelegt...

Meine Momentaufnahme passt gar nicht richtig mit den bekannten Klischees zusammen
Sie waren nicht mürrisch, sondern sehr freundlich, sie sprachen englisch (sogar an der Supermarktkasse und am Imbiss) und das Servicehaus auf dem Campingplatz war das beste und sauberste der ganzen bisherigen Fahrt. Kurz gesagt, es gab nichts an den Finnen auszusetzen.
Einzige Kritik: sie verwenden
kaum Lehnwörter und Anglizismen, dadurch fühlt man sich fast wie in China, allerdings kann man die Schrift lesen, nur bleibt der Sinn dunkel.
Wie in Schweden und Norwegen wird fast alles mit der Kreditkarte erledigt. Selbst der einarmige Bandit in der Imbissbude wird mit der Karte gefüttert. Die hier oben gelegentlich auftretenden kurzen Stromausfälle, werden kaum registriert. Man wartet einen Augenblick, bis alle Kassen, Kartenleser und sonstige Geräte wieder funktionieren und dann geht es weiter (zum Glück wird ja für diese Dinge kein Windows benutzt).

Heute hatte ich wieder eine einsame Strecke zu bewältigen. Die Bäume verschwanden fast vollständig, übrig blieben Moose und Farne und als einzige Dekoration verkrüppelte Birken, die eher wie Heckenpflanzen wirken.

Nichts war mehr da, was dem Wind Widerstand leistete. Zum Glück hatte ich ihn meistens als Kantenwind und manchmal schob er mich sogar den Berg rauf.
So schnell wie ich in Finnland drin war, war ich auch wieder draußen.




Keine Beamtenseele ließ sich blicken, schließlich ist es eine EU-Außengrenze. Aber auf den ersten Blick kann man sowieso keine wesentlichen Unterschiede zwischen Schweden, Finnland und Norwegen feststellen. Wenn ich mich nicht irre, gehörte vor hundert Jahren sowieso alles zu Schweden. Selbst die Hütten sehen ein paar hundert Kilometer weiter ähnlich aus.




Der verschlafene Ort Kautokeino wirkt allerdings schon ganz schön polarmäß. Natürlich heißt hier auch vieles entsprechend. Der Campingplatz heißt "Arctic Camping og Motel".
Die Mücken werden weniger, so wie es mir in Karesuando vorher gesagt wurde.



Auf dem Campingplatz kann ich bei den Caravans immer die gleichen Rituale beobachten:
Wagen ausrichten, Jalousie ausfahren, Teppich auslegen, Tisch und Stühle aufstellen, manchmal mit Blumenvase dekoriert, hinsetzen und später dann den Grill anwerfen. Ist wahrscheinlich weltweit das gleiche.
Aber hier in Lappland gibt's um 20 Uhr noch was besonderes - Kaffee trinken am offenen Feuer im Tipi.
Um die Zeit kann ich leider nicht mehr mit trinken und verstehe auch kein Wort. Aber nett war es trotzdem!





Ein Gewitter zieht auf und kündigt den Wetterwechsel an ...


Mittwoch, 6. August 2014

Intermezzo in Finnland

06.08.2014 10.00 - 15.00
Karesuando - Enontekiö 65,2 km

Jetzt wird endgültig das Bummelzugtempo eingelegt. Es macht keinen Sinn aufs Tempo zu drücken, um dann däumchendrehend auf das Schiff zu warten. Trotzdem wäre ich heute gern noch weiter gefahren, aber die Chance auf ein richtiges Essen hat mich gebremst.
Gestern abend gab es noch ein ordentliches Gewitter und ich war froh, dass mir der Verwalter eine schöne Hütte für sehr günstige 200 Kronen angeboten hatte. Die Mücken hat das Wetter kaum gestört. Auch als es sich verzogen hatte, liefen die Leute deshalb vermummt und mit Kapuzen zum Servicehaus, um sich dann wieder schnell in ihre Hütten und Caravans zurück zu ziehen.
Morgens um acht stand für mich schon der Kaffee bereit. Der Verwalter setzte sich zu mir und wir plauderten noch etwas.
Die Campingplatzverwaltung macht er nur im Sommer, das ist sein "Urlaub".
Im Winter, der ab Mitte Oktober beginnt und bis Anfang Mai reicht, arbeitet er im Skigebiet von Kiruna.
Obwohl es hier immer ausreichend Schnee gibt, werden dort Schneekanonen eingesetzt, um die Pisten für die vielen Abfahrtsläufer stabiler zu machen.
Kiruna liegt über großen Eisenerzlagerstätten, der Abbau erfolgt schräg von der Oberfläche aus und man kann zur Besichtigung mit Bussen unter Tage fahren.
Weil der weitere Abbau die Stadt gefährdet, wird das gesamte Stadtzentrum um einige Kilometer verlegt.
Auf den Energiekonzern Vattenfall, bei dem der schwedische Staat Hauptaktionär ist, schimpfte er ausgiebig (Vatten=Wasser). Der Konzern sei im Abschwung und was er im Land Brandenburg mit dem forcierten Braunkohleabbau mache, gehe gar nicht.
Er gab mir noch auf den Weg, dass die Mückenplage 150 km bis Kautokeino in Norwegen anhalten würde.
Eigentlich wollte ich schon unterwegs sein, aber erst um neun verabschiedeten wir uns. Mein Restgeld wollte er nicht ohne Gegenlistung annehmen und so habe ich jetzt noch eine Dose Mückenschutzsalbe aus Pechöl.
Die habe ich natürlich gleich ausprobiert.
Dann ging es bei trübem Himmel nach Finnland.




Im nächsten Supermarkt füllte ich erst mal meine Essenvorräte auf und bezahlte seit langem wieder in €.

Ansonsten war kaum eine Veränderung zu Schweden sichtbar.
Die Markierungen auf der Straße sind hier meistens gelb und alles wirkt nicht ganz so ordentlich wie in Schweden. Die Straße verlief leider erst mal 30 km am Grenzfluss entlang in südöstlicher Richtung - also eher vom Nordkap weg.
Erste Rast machte ich an einer Rentierfarm. Die Kollegen im Wald fühlen sich bestimmt besser, aber diese hier sind deutlich größer:




Dann kam eine Abzweigung und die Richtung stimmte wieder.
Da geht's lang:




Endlich kam mir mal wieder ein Radler entgegen. Der sehr junge Mann heißt Dan aus Holland und war auf dem Weg von Alta nach Kiruna. Er schläft grundsätzlich im Wald. Als er hörte, dass ich in seine Richtung fahre, wünschte er mir, dass der starke Wind noch aus der gleichen Richtung kommen sollte - er hatte Gegenwind. Sehr nett von ihm!
Später sprach mich auf einem der sehr bescheidenen Parkplätze ein junger Mann mit Motorrad an. Peter, Fensterputzer aus Örebro, war auf
"Promotiontour" zum Nordkap.
Zum gleichen Zweck ist er schon mit dem Modell chinesischer Produktion (Oh, oh, Gote! ) von China nach Schweden gereist. Sein Vater stammt aus Berlin, deshalb konnte er sogar mit Potsdam was anfangen (und ich mit Örebro, der Fahrradstadt).
Aktueller Anlass war aber, dass er keine Karte mit hatte und nicht wusste, welche der beiden Möglichkeiten die bessere wäre.
Ich konnte ihm helfen und er fotografierte alles ab. Für die Rückreise durch Norwegen sollte er sich vielleicht doch ne Karte kaufen.
Nach kurzer Reise bin ich also heute in Enontekiö angekommen, auf dem wohl am besten eingerichteten Campingplatz der Reise. Den anderen scheint es auch zu gefallen, gerade spielt jemand vor seinem Wohnwagen sehr einfühlsam und schön Akkordeon - übrigens bei 28º und Sonnenschein.
Der Ort ist recht klein, hat aber einen Supermarkt und eine schöne Kirche.




Nur mit dem erhofften guten Essen klappte es nicht ganz. Kebab mit Pommes und undefinierbarer Soße im einzigen noch geöffneten
Imbiss...
An die veränderte Uhrzeit werde ich mich gar nicht erst gewöhnen, morgen bin ich in Norwegen, da wird die Uhr wieder zurück gestellt.

Dienstag, 5. August 2014

Was hat sich die Natur nur dabei gedacht?

05.08.2014 9.00 - 16.15
Vittangi - Karesuando 105,6 km

Warum müssen Mückenstiche eigentlich jucken. Wäre es nicht für den Wirt und auch die Mücke viel zweckmäßiger, wenn das Abzapfen der Kleinstmengen Blut schmerzfrei verlaufen würde?
Der Mensch hätte nicht tagelang Beschwerden und auch die Mücken würden davon profitieren - die Sterberate durch unnatürliche Todesfälle würde bei ihnen drastisch sinken.

Gestern abend unterhielt ich mich mit einem niederländischen Paar, das gerade mit dem Caravan von den Lofoten kam. Das Wetter war schlecht und es waren viel zu viele Touristen da. Wir mussten dann bald vor den Mücken in unsere jeweilige Behausung flüchten. Selbst heute morgen waren sie schon wach und piesakten mich.




Die Tour war heute traumhaft schön. Eigentlich kann ja nach dem Ende der Welt nichts mehr kommen, aber es kam - nichts.
In Vittangi ähnelte die E45 einer Dorfstraße, danach wurde sie breiter und war gut ausgebaut. Aber ich hatte sie fast ganz für mich allein. Es dauerte zumindest gefühlt eine Stunde, bis mal wieder ein Auto vorbei jagte.
In der Zwischenzeit hatte ich genug Muse, mir die immer karger werdende Landschaft anzusehen.




Die Sonne brannte vom Himmel (der Wetterbericht schrieb von 28º) und wenn ich nicht genug Wasser mit gehabt hätte, würde ich jetzt als Ritter Kahlbutz im Straßengraben liegen und keiner würde es merken.
So aber konnte ich mit Blicken den lichten Wald durchsuchen, um vielleicht doch noch einen Elch zu sehen. Die Hoffnung, dass er sich als Fotomodell vor mir auf die Straße stellen würde, habe ich schon lange aufgegeben. Fünfzig Kilometer lang kein Haus, keine Abzweigung, gar nichts! Sowas habe ich noch nicht erlebt und ich fand es, auch wenn das nicht jeder nachvollziehen kann, großartig. Dann kamen zwei kleine Ortschaften, trotzdem keine Menschenseele weit und breit.
Dafür aber eine gelbe Warntafel:



Raketenschießen im Naturschutzgebiet? Zum Glück war der Kasten leer und ich konnte weiterfahren.

Ein Stück weiter steht ein Schlitten im Wald. Da muss schon sehr viel Schnee liegen, wenn so ein Koloss noch gleiten soll.




Wenig später glaubte ich, doch noch einen Elch zu sehen, aber beim näher kommen erwies sich der Elch als stattliches Ren. Das hatte keinerlei Respekt vor mir und ging gelassen seines Weges, es hätte mich auch locker aufspießen können.




Den Rest der Fahrt war sehr umschwärmt, zuerst von neugierigen Fliegen, die mir sogar bis in die Ohren schauten und auf dem Campingplatz auch von Mücken. Langsam sehen meine Beine aus wie Streußelkuchen.

Heute geht meine Reise durch Schweden zu Ende. Ich bin direkt an der finnischen Grenze und inzwischen mehr als 2000 km gefahren. Der Verwalter des Campingplatzes erzählte mir, dass seine Muttersprache eine Art altfinnisch ist, die von den jungen Menschen nicht mehr gesprochen wird. Die älteren Leute der Region benutzen sie aber nach wie vor. Auch in Finnland und im russischen Karelien wird diese Sprache noch gepflegt. Wir verstanden uns auch ganz prächtig, wahrscheinlich weil unser englisch ähnlich holprig ist.
Er macht mir jedenfalls morgen Kaffee und wird wohl dafür mit meinen restlichen Kronen reich belohnt werden.
Denn es geht ins Euroland Finnland, in dem auch die Uhren anders gehen (+1 Stunde).

Am Ende der Welt

04.08.2014 8.45 - 15.45
Gällivare - Vittangi 103,7 km

Wie ich schon ahnte, geht hier in Vittangi nicht mehr so viel. Es gibt drei Hunde, zwei Spitzbuben und kein Internet.

100 km weiter südlich, in Gällivare sah das noch ganz anders aus.

In der Nacht hatte es geregnet, es war bedeckt aber warm.
Beim Bäcker konnte ich mir noch ein paar frische Brötchen und Zimtschnecken holen und dann gings auf die Piste.

Nach wenigen Kilometern warnte dieses Schild:




Mist, hab ich doch wieder die Schneeketten vergessen! Es ging auch ohne, aber die langen Steigungen hatten es in sich. Nur schieben ist schlimmer, das ist mit dem schweren Rad extrem anstrengend. Deshalb versuche ich immer, einen gleichmäßigen Rhythmus beim Treten zu finden und nicht abzusteigen, bis ich ganz oben bin. Dann ist immer noch Zeit für einen Schluck aus der Pulle und runter geht es noch mal so gut.
Die E45 war zunächst mäßig befahren, dann kam die E10 dazu und es wurde wieder deutlich voller.
Erstmals begegnete ich heute einem Radfahrer, der vermutlich nicht aus Deutschland kam. Den Aufklebern auf seinem Anhänger nach kam er aus Norwegen. Er war aber nicht gerade gesprächig. Nur ein "Hey" im Vorbeifahren, mehr war nicht.

Dann mal wieder eine Baustelle, das Schild zeigte 15 km an.
Alles halb so schlimm, die Straße war fast fertig, nur an einer Stelle gab es eine Ampel mit einem für Schweden ganz ordentlichen Rückstau. Da stellte ich mich, wie auch die Motoradfahrer, brav an. Mit dem zweiten Schub ging es dann endlich los.
Zusätzlich zum Ampelgrün gab es noch ein Führungsfahrzeug, das die Geschwindigkeit vorgab. Pech für mich, hinter mir gab es noch etliche Autos in der Kolonne, die mich nicht überholen konnten. Ich bin ungefähr zwei Kilometer am Anschlag gefahren, bergauf und bergab, dann war es überstanden. Zur Belohnung gab es viele Kilometer auf spiegelglattem Asphalt ohne Verkehr.
Dann normalisierte sich der Verkehr wieder und ich machte in Schweden erstmals Bekanntschaft mit einem schwedischen Lkw-Fahrer, der mich bei Gegenverkehr auf enger Straße überholte. Mehr als 20 cm waren da nicht zwischen uns. Da hilft nur Lenker festhalten und streng geradeaus fahren, denn die Luftverwirbelung ist ganz gewaltig.
Schade, gerade die Lkw-Fahrer waren bisher sehr vorsichtig, ich wollte sie doch in bester Erinnerung behalten.

Dann trennten sich die E10 und die E45 wieder und beinahe wäre ich nach Kiruna weiter gefahren.

Zum Glück habe ich es noch rechtzeitig bemerkt und konnte dann auf der leeren E45 weiter fahren.
So blieb mir viel Zeit, meine Umgebung zu betrachten.
Der Wald wird immer lückenhafter und die Bäume immer kleiner, aber es bleibt eine grandiose Landschaft.

Meinen ersten Elch habe ich auch gesehen, wahrscheinlich durch ein Auto ums Leben gekommen. Es waren nur noch Fragmente, aber an den Beinen konnte man ohn noch gut erkennen, die Schaufeln fehlten.

Leider war mir auch des öfteren aufgefallen, dass große Mengen Müll im Straßengraben liegen:
Getränkeflaschen und -dosen, Zigarettenschachteln, Plastiktüten, Batterien und vieles mehr.
Ich verstehe nicht, wie man so dumm und ignorant sein kann, diese Dinge einfach aus dem Auto zu schmeißen. Der Müll verrottet praktisch nicht, verschandelt diese schöne Landschaft und die darin enthaltenen Gifte landen irgendwann in unserer Nahrungskette.
Es wäre doch kein Problem, das Zeug wenigsten vernünftig zu entsorgen.
Man müsste darüber mal eine Dokumentation drehen, denn die Verursacher sehen das Ergebnis im Vorbeifahren nicht.
Das gleiche Problem haben wir natürlich auch bei uns, aber hier in Schweden erscheint es mir im Verhältnis zum Verkehrsaufkommen noch gravierender.

Letztlich bin ziemlich zeitig auf dem etwas herunter gekommenen Campingplatz angekommen. Von einem Betreiber keine Spur, nur die kleinen Beißfliegen aus Jokkmokk waren auch schon da.
Als ich unter der angegebenen Nummer anrief, antwortete mir jemand mit stark russischem Akzent, dass er um 17 Uhr kommen würde. Um 17 Uhr hatte ich mein Zelt aufgebaut, um 17.30 war ich geduscht und um 18 Uhr kam er.
Er ist Lette, war noch ganz begeistert von der Fußball-WM und gratulierte mir zum Titel. Da konnte ich zum wiederholten Mal nur sagen, dass auch ich nur vor dem Fernseher gesessen und Bier getrunken habe.

Kreditkartenzahlung ging nicht, Bargeld hatte ich kaum noch, also sagte er zu mir, er sei nur Angestellter und ich solle mal ohne Bezahlung zelten.
Und so geschah es...

Sonntag, 3. August 2014

Hochsommer im hohen Norden

03.08.2014 8.15 - 16.00
Jokkmokk-Gällivare 98,2 km

Mein Zelt stand gestern einsam am See, bis gegen 20 Uhr ein VW-Bus mit großem Campinganhänger vorfuhr und sich fünf Meter neben meinem Zelt plazierte. Das fand ich nicht so schön, obwohl sich dann herausstellte, dass es eine sehr nette Familie aus Marburg war.
Die Eltern, dazu vier Jungs im Alter zwischen neun Monaten und zehn Jahren und ein großer Hund sind auf dem Weg zu den Lofoten.
Der Grill wurde ausgepackt und los ging die Bruzzelei. Mir wurde auch was angeboten, leider hatte ich mein bescheidenes Mahl schon beendet und musste dankend ablehnen.
Immerhin wurde ich Zeuge, als das kleine Kerlchen sich zum ersten Mal freihändig hinstellte.
Für heute früh wurde mir Kaffee in Aussicht gestellt, aber das konnte auch nichts werden, weil ich zeitig los wollte. Nach einer netten Unterhaltung zogen wir uns fluchtartig in unsere Behausungen zurück, um den Schwärmen von kleinen Beißfliegen zu entgehen.

Da die Sonne mein Zelt erwärmte, wachte ich noch vor dem Weckerklingeln auf. Wieder was gelernt - das Zelt muss morgens im Schatten stehen. Die Sonne geht einfach zu früh auf.
Wie vom Wetterbericht angekündigt, war es sehr warm, mittags hatten wir hier 25ºC.
Die ersten zwanzig Kilometer ging es gemächlich bergauf, dann folgte die "Schussfahrt nach San Remo" (das ist der Titel eines französischen Kultfilms aus den Siebzigern) mit 51 km/h Spitzengeschwindigkeit zu einer Talsperre.




Es kam wie es kommen musste, die nächsten zwanzig Kilometern nach Porjus ging es ordentlich bergauf.
Am Ortseingang sah ich schon von Weitem ein gewaltiges Backsteingebäude mit einer güldenen Krone oben drauf. Es sah aus wie eine Kathedrale.




Es war aber das 1915 fertig gestellte alte Wasserkraftwerk Porjus, das bis 1975 in Betrieb war und jetzt zu besichtigen ist. Ich war der einzige Gast an diesem Vormittag und die drei Servicemitarbeiter, wahrscheinlich Studenten,langweilten sich sehr. Sie wollten mich zu einer Führung überreden, aber aus Zeitgründen begnügte ich mich mit einem Rundgang durch die Ausstellung.




Einen Leitstand mit Marmorverkleidung sieht man nicht alle Tage.

Noch sechzig Kilometer waren zu fahren, also musste ich zügig weiter.
Am Straßenrand sah Tierspuren, war das etwa ein Elch?




Eher wohl doch wieder ein Rudolph. Als Fährtenleser hätte ich die Losung sehen müssen - die war nämlich im Sami-Museum ausgestellt. Egal, eine Spur ersetzt mir nicht den Anblick eines lebenden Tiers.
Als ich gerade anhielt, um ein besonders prächtiges Rentier zu fotografieren, hörte ich Stimmen hinter mir. Halluzinationen? Nein, drei Studenten aus Berlin auf dem Weg zum ... - richtig, Nordkap!
Sie wollten bei der Annäherung schon wetten, ob ich aus Deutschland wäre. Wäre aber zu einfach gewesen.




Ruckzuck waren sie wieder weg. Etwas ironisch hatten sie mir angeboten, mich doch dran zu hängen - Arroganz der Jugend!

Auch eine Baustelle hat mich heute kalt erwischt. Ich hatte schon gehofft, die gute Fee hätte mich erhört. Es waren aber nur fünf Kilometer und einigermaßen gewalzt. Das fährt sich etwa wie Kopfsteinpflaster, nur dass man noch den fliegenden Schotter durch den Autoverkehr um die Ohren gefleddert bekommt.

Die norwegischen Familie, die auf Campingstühlen neben ihrem BMW saß, hatte andere Sorgen. Sie wartete auf den Automechaniker aus Jokkmokk, der gerade gestern einen neuen Motor eingebaut hatte. Der hatte aber auch schon den Geist aufgegeben. Sie wollten eigentlich nach Hause auf die Lofoten.

In Gällivare traf ich kurz vor dem Campingplatz den ersten schwedischen Radler. Der drehte aber bloß mal eine Runde mit dem Rennrad.
Sommer und Gällivare, das passt irgendwie nicht richtig zusammen. Allen Gebäuden und Straßen sieht man an, dass sie für harte Winter gebaut sind. Die Straßen sind sehr breit, damit der Schnee Platz hat, die Dächer haben massive doppelte Schneefanggitter und die Parkplätze sind mit schweren Dächern geschützt. Überall stehen Säulen mit Steckdosen. Ich glaube nicht, dass das mit Elektomobilität zu tun hat, E-Autos habe ich hier noch nicht gesehen. Eher denke ich, dass im Winter die Autos beheizt werden oder Starthilfe brauchen.









Und trotzdem, der Wetterbericht prognostiziert für morgen 29ºC.

Wenn das so weitergeht, stehe ich im T-Shirt am Nordkap!

Ob ich weiter regelmäßig Beiträge einstellen kann, steht in den Sternen. Die Netzabdeckung ist hier schon ziemlich lückenhaft. Und WiFi gibt es auch nicht überall. Ich werde aber weiter täglich schreiben ind dann bei passender Gelegenheit publizieren.

Jokkmokk

02.08.2014 -
Jokkmokk 0 km

Gestern abend hatte ich mir überlegt, dass Jokkmokk der ideale Ort für eine Pause wäre. Schließlich habe ich noch drei Tage Überhang. Die Hütte war annehmbar, das Wetter versprach gut zu werden und in Jokkmokk gibt es was zu sehen. Also verzichtete ich auf den Wecker, stand kurz vor neun auf und ging zur Rezeption, um einen Kaffee zu trinken und die Verlängerung zu vereinbaren. Pech - alles war schon reserviert.
Meinen Plan wollte ich nicht aufgeben, zum Weiterfahren war es für mich zu spät - also suchte ich nach einem geeigneten Platz für das Zelt. Am See stand schon ein kleines und ein Reiserad daneben. Der zugehörige Radler schlenderte mir auch gerade entgegen.
Natürlich wieder ein Deutscher. Langsam glaube ich, dass fast nur Deutsche solche merkwürdigen Dinge tun, je nach Standpunkt könnte man auch sagen, die so bekloppt sind.
Bert ist aus Bayern, 63 Jahre alt und gerade im Vorruhestand angekommen. Er ist aus Deutschland gestartet, schon vier Wochen unterwegs und will - zum Nordkap. Seltsame Idee!
Gestern hatte er die 160 km von Arvidsjaur nach Jokkmokk in einem Ritt erledigt und war, da er spät los fuhr, erst um Mitternacht angekommen. Dennis und Tobi war er auch schon begegnet.




Ich baute mein Zelt gleich neben seinem auf. Wir unterhielten uns lange über alles Mögliche und Bert brach erst um 15.30 zur Weiterfahrt auf. Da wird er wohl wieder erst nachts ankommen.




Ich nutze den Tag noch für einen Besuch des Sami-Museums und war etwas überrascht, was für tolle öffentliche Einrichtungen Jokkmokk hat: Sporthalle, Schwimmbad, Bibliothek, Haus des Wissens ...
Für eine Stadt von 2800 Einwohnern ein gewaltiges Angebot, aber sicherlich hat das damit zu tun, dass sie ein Zentrum für ein großes Gebiet darstellt.
Für mich war aber heute das Bad im See nördlich des Nordpolarkreises direkt neben meinem Zelt der Höhepunkt. Es bedurfte allerdings keinerlei Überwindung. Um 19 Uhr war die Luft noch angenehm warm und das Wasser wärmer als die Ostsee.



Auch wenn die Sonne um 22.00 untergeht, es wird hier gar nicht mehr richtig dunkel. Die ganze Nacht herrscht eine Art Dämmerung.
Morgen soll es hier sehr warm werden - ungefähr 24 Grad, Montag bis 27 Grad.
Gut, dass ich nicht nach Italien gefahren bin, da würde ich frieren!

Freitag, 1. August 2014

Kein Kreis zu sehen

01.08.2014 9.00 - 14.00
Kåbdalis - Jokkmokk 61,6 km

Sonnenaufgang 3.31
Sonnenuntergang 22.02

Das ist schon ein lästig, wenn man morgens um halb vier von der Sonne wach gekitzelt wird. Immerhin lässt sie sich fast täglich sehen.
Heute sollten es nur etwa 60 km werden, da konnte ich es langsam angehen lassen.

Nach zwanzig Kilometern kam mir auf der leeren Landstraße ein Radler entgegen, ebenso bepackt wie ich.
Natürlich wieder ein Deutscher - Tobi aus Hannover. Er kam gerade von den Lofoten und war ebenso wie ich seit drei Wochen unterwegs. Tobi ist 38 Jahre alt und campt ausschließlich wild. Anders als Dennis, der die Leute fragt und gern mal im Vorgarten übernachtet, sucht sich Tobi sein ruhiges Plätzchen abseits der Straße selbst.
Das werde ich freiwillig nicht machen, mit 64 Jahren gönnt man sich doch lieber die tägliche Dusche.
Tobi schwärmte wie alle, die mal dort waren, von den Lofoten und dem tollen Wetter das er dort hatte. Als ich sagte, dass ich mich freue, endlich mal wieder einen Radler zu treffen, meinte er, dass ich mir die falsche Strecke ausgesucht habe. Auf den Lofoten ist viel mehr los.
Nach dem Pläuschchen gings zügig Richtung Jokkmokk weiter. Zehn Kilometer vor Jokkmokk gibt es einen Parkplatz mit Raststätte - der Nordpolarkreis war erreicht. Erst wollte ich das Ereignis mit Hilfe des Stativs allein dokumentieren, da lief mir eine Ami-Familie aus Georgia/Mississippi über den Weg. Der Familienvater stellte mir die mittlerweile üblichen Fragen, hatte aber noch nichts vom Nordkap gehört. Sie waren mit dem Leihwagen unterwegs und ich hatte den Eindruck, dass sie Schweden und Norwegen durcheinander brachten. Egal, sie waren nett und aufgeschlossen und ich revanchierte mich mit ein paar Fotos für ihr Familienalbum.




Kurze Zeit später war ich in Jokkmokk und nahm eine Hütte auf dem Campingplatz.
Jokkmokk hat nicht nur einen netten Namen, es ist auch ein schönes Städtchen und das Zentrum der Sami-Kultur. Dass die Dame, die vor dem Supermarkt kleine Schnitzereien und Felle verkauft, russisch sprach, tut nichts zur Sache.
Hier noch ein paar kleine Impressionen aus Jokkmokk: